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Finis
"Nur der Wechsel ist wohltätig. Unaufhörliches Tageslicht ermüdet."
Wilhelm von Humboldt

Carpe diem ... Was wollte er uns oder wem auch immer damit sagen, der geniele Horaz, mit diesem eigentlich in Versform geschriebenen Gedicht Carmen I, 11 (es ist aus dem ersten Buch seiner 4 Lyrikbände mit insgesamt 104 "carmina" / Gedichten; Horaz selber hat seine Lyrik übrigens nie vertont, er war ausschließlich ein Dichter). Immer wieder wurden und werden diese zwei Wörter aus dem Gedicht gerissen und mehr oder weniger gescheit, sehr oft auch nur klugscheißerisch, verwendet. Natürlich ging es Horaz darum, den Augenblick zu genießen, das Leben von positiver Seite zu nehmen, dabei dachte er eben daran, daß man vor allem nicht zu sehr auf die unsichere, trügerische Zukunft harren sollte. Eher jenes "hic et nunc" gilt es wahrzunehmen und zu gestalten. Schon gar nicht hatte Horaz etwas im Sinne mit den vielfach gepriesenen Versprechungen auf ein Jenseits, wie es vor allem von den christlichen Kirchen stets hochgehalten und praktiziert wird. Nein, Horaz war da schlicht und einfach Realist ... Man sollte also nicht den Fehler machen, die zwei schönen und sicherlich so viel versprechenden Wörter nur auf eine Art von semantischer Zweisamkeit zu reduzieren. Es ist, oder es sei, Aufgabe, den Tag so zu gestalten und zu nützen, als sei es jeweils der letzte aller Tage, dies dann aber nicht im Verzweiflungsmodus, sondern im Gestaltungsmodus, das Positive im Jetzt zu suchen, zu leben, zu gestalten, zu pflegen.
Also: nütze den Tag, widme dich ganz diesem einen, einzigartigen Tag (dem natürlich dann hoffentlich viele weitere derartige wertgeschätzte Tage folgen mögen, denen man gleichfalls mit dem "carpe diem" zu begegnen, ihn sinnvoll auszufüllen hat.
Und so sind die zwei Wörter in den Kontext gebettet:
Tu ne quaesieris (scire nefas) quem mihi, quem tibi finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios temptaris numeros. Ut melius quidquid erit pati! Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam, quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare Tyrrhenum, sapias, vina liques et spatio brevi spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invidaaetas: carpe diem, quam minimum credula postero.
[Frage nicht (denn eine Antwort ist unmöglich), welches Ende die Götter mir, welches sie dir, Leukonoe, zugedacht haben, und versuche dich nicht an babylonischen Berechnungen! Wie viel besser ist es doch, was immer kommen wird, zu ertragen! Ganz gleich, ob Jupiter dir noch weitere Winter zugeteilt hat oder ob dieser jetzt, der gerade das Tyrrhenische Meer an widrige Klippen branden lässt, dein letzter ist, sei nicht dumm, filtere den Wein und verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung! Noch während wir hier reden, ist uns bereits die mißgünstige Zeit entflohen: Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!]
"Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein."
(Christian Morgenstern)
Man sollte für die eigene Lebenspraxis stets auch das beherzigen, was der US-Komiker Groucho Marx einmal so ausgedrückt hat: "Wir müssen auch aus den Fehlern anderer lernen. Wir leben nicht lange genug, um sie alle selber zu machen."
"Innerer Frieden beginnt in dem Moment, in dem du dich dafür entscheidest, daß weder eine andere Person noch ein Ereignis deine Gefühle kontrollieren."
Pema Chödrön
[Anmerkung hierzu: es geht um "kontrollieren", also nicht um relativen Einfluß ausüben o.ä., denn Letzteres dürfte kaum auszuschließen sein. Also: der Umgang damit ist jeweils entscheidend!]
"Begrüsse den gegenwärtigen Moment, wie einen wertvollen Gast. Warum? Weil es alles ist, was du jemals hast."
Pema Chödrön
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