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Gedanken
Erich Kästner:
"Alles, was gigantische Formen annimmt, kann imponieren - auch die Dummheit."
Dummheit läßt sich häufig nicht so eindeutig abgrenzen, hat sie doch viele Erscheinungsformen; oft wird fälschlicherweise auch ein Verhalten als Dummheit bezeichnet, das durch ideologische Betrachtung den Beurteilenden als solche erscheint. Natürlich gilt da auch: vice versa. Über Dummheit wurde viel geschrieben (darüber weiter unten ein paar Einblicke), wohl noch mehr geredet. Letzteres nicht selten auch: unbedacht und vorschnell ...
Sehen wir uns zunächst ein paar gängige Definitionen an. Unter Dummheit wird oft mangelnde Begabung verstanden (hier stoßen wir allerdings bereits auf ein grundlegendes Problem: erstens wie ist dieses "mangelnde" einzuordnen und zweitens was ist unter "Begabung" zu verstehen). Ähnliche Einordnungsprobleme ergeben sich durch andere Definitionen der Dummheit wie "Unwissenheit" (kann eine solche wirklich bereits mit "Dummheit" gleichgesetzt werden und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen), sowie "schwache, nicht zureichende Intelligenz" (Leitfrage: was ist das eigentlich, diese "Intelligenz" und gibt es denn da nicht unterschiedliche Ausprägungen, so z.B. auch "emotionale Intelligenz", "soziale Intelligenz").
Bekannt sind ja Redensarten wie "das wird so nur aus reiner Dummheit gesagt / getan" oder jener nicht selten allzu leichtfertig verkündete Ausspruch "Wenn Dummheit wehtäte, würde er / sei den ganzen Tag schreien!" bis hin zu jener Kategorisierung "Er / Sie ist entsetzlich dumm!".
Hat Dummheit unbedingt auch etwas mit z.B. einer unklugen Verhaltensweise / Handlungsweise zu tun? Wie schnell wird das Ergebnis falschen Handelns mit dem "Das war eine große Dummheit!" kommentiert. Lohnenswert darüber nachzudenken, inwieweit derartige Assoziationen mit Dummheit einer hinreichenden Begründung genügen!
Grundsätzlich ist es sicherlich richtig, festzustellen, daß Dummheit einen Mangel an Intelligenz bezeichnet (aber wohlbemerkt nochmals: diese Gegenüberstellung von "Dummheit" und "Intelligenz" bedarf einer definitorischen Begründung / Festlegung). Noch verwaschener dürfte die Grenzziehung sein, wenn es beispielsweise "nur" um törichte Handlungen geht. Und darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit "Dummheit" immer als Negativum zu begreifen ist. Wie bereits in Wanders Deutschem Sprichwörter-Lexikon von 1866 an Beispielen aufgezeigt wird -- immer unterstellt, derartige Sprichwörter fallen nicht aus heiterem Himmel -- scheint Dummheit nicht zwangsläufig für den als "dumm" gesehenen Menschen nachteilig zu sein. "Den Dummen gehört die halbe Welt!", "Der Dumme hat's Glück!", "Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln!". In ähnlichen Zusammenhängen war / ist auch immer wieder von "Bauernschläue" die Rede; eine begriffliche Zuordnung, die ich persönlich jedoch alles andere als zeitgemäß empfinde, denn jene intendierte "Schläue" ist längst (auch quantitativ gesehen) von anderen Berufsgruppen vereinnahmt worden ...).
Wie häufig gelingt es auch der Dummheit, sich durchs Leben, durch den Alltag zu mogeln und damit auch erfolgreich zu sein, eben: weit zu kommen, es zu etwas zu bringen! Vielleicht auch deshalb hat Wilhelm Busch Dummheit sogar einmal als eine "natürliche Begabung" bezeichnet ... Und Winston Churchill hat einen Vorteil der Dummheit betont: "Lache nie über die Dummheit der anderen. Sie ist deine Chance!" Wie richtig das doch bisweilen ist, dürfte so mancher in seiner eigenen Karriere (oder in anderen Bereichen, von der Arbeitswelt über Freizeitgestaltung bis hin zum Liebesleben und zur Erotik) erfahren haben.
Und Nicolas Chamfort geht sogar soweit, der Dummheit einen universelleren Charakter zu unterstellen: "Man kann wetten, dass jede öffentliche Meinung, jede allgemeine Konvention eine Dummheit ist, denn sie hat der großen Menge gefallen." Das hieße zugleich, die große Masse der Menschen wäre "dumm". Eine Universalität, welche auch Albert Einstein andeutet, wenn er feststellt: "Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." Und was die Verteilung und Wirkung von "Dummheit" angeht, möchte ich auf gar keinen Fall Theodor Fontane widersprechen, wenn er konstatiert: "Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf." Ähnliche Positionierungen findet man sehr viele, auch da -- wen wundert es -- sehr gegenläufige, jedoch ist in all diesen Fällen eines noch offen: dem Begriff "Dummheit" eine sprachliche Trennschärfe zuzuordnen.
Wie wohltuend (aber leider gerade im politischen Raum häufig nicht zur Introspektion führend!) scheint mir da auch Helmut Schmidts Aussage: "Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden." Mal ehrlich: wer gerade im politischen Umfeld betreibt diese Nabelschau, sieht Ideologiekritik als unbedingt notwendig an, betrachtet Formen von einschlägiger Bescheidenheit als zielführend für bessere Politikgestaltung und für notwendige Debatten (nicht: Geschwätzigkeit, Phrasendrescherei, Verächtlichmachen von Konkurrenten um die Macht, etc.!)? Die allerwenigsten! Leider!
Einer hat einmal festgestellt, "der Kluge ärgert sich über die Dummheiten, der Weise belächelt sie" (Curt Goetz): es wäre ja schön, gar erhabend, würde man Dummheit als Weiser nur noch belächeln können. Dies ist natürlich in zumindest vielen Fällen der Dummheitsauswirkung wirklichkeitsfremd, denn von den negativen Ausflüssen ist man -- auch als tatsächlicher oder nur eingebildeter "Weiser" -- meistens unmittelbar oder indirekt so betroffen, daß einem das Lächeln vergehen dürfte. Ein weiteres Problem: mit diesem "nur Lächeln" trägt man dazu bei, den Status quo von Dummheit und deren Auswirkungen fortzuschreiben. Ludwig Marcuse hat einmal zutreffenderweise gesagt, Toleranz sei dann fehl am Platze wenn Schweigen unmoralisch werde, d.h. wenn man durch Schweigen, durch aufgewendete Toleranz negativen Entwicklungen letztlich zuarbeite. Insoweit sollte man Voltaires "Dummköpfe zu ertragen, ist sicherlich der Gipfel der Toleranz." schon sehr differenziert sehen und auch entsprechend handhaben: Toleranz ist kein Absolutum, per se nicht immer "gut", ein bedingungslos anzustrebendes ethisches Höchstziel, sondern gerade gegenüber all den Feinden der Toleranz gilt es wachsam zu sein, sie jeweils angemessen in die Schranken zu weisen -- dies gerade deshalb, damit Toleranz weiterhin möglich bleibt!
Eine vielleicht hilfreichere Zugangsweise, "Dummheit" zu erfassen, ist der Blick auf eine mangelnde Fähigkeit, aus Wahrnehmungen angemessene Schlüsse zu ziehen bzw. daraus zu lernen. Worauf beruht dieser Mangel? Sicherlich auf der Unkenntnis von Tatsachen, die zur Bildung eines Urteils eigentlich notwendige Bedingung sind. Sicherlich muß in diesem Zusammenhang der Blick auch auf mangelhafte Intelligenz, auf unzureichende Schulung des Geistes, aber in vielen Fällen auch auf Trägheit und Schwerfälligkeit im Auffassungsvermögen zu richten sein, will man das Phänomen der Dummheit eingrenzen. All dies reduzierte Vermögen zu urteilen zeigt sich als unzureichendes Urteilsvermögen (Immanuel Kant spricht hier zutreffend von einem "Mangel an Urteilskraft", als "das, was man Dummheit nennt" und vertritt die Ansicht, daß "einem solchen Gebrechen ... gar nicht abzuhelfen sei"!), also auch in einer Langsamkeit (um nicht von gänzlicher Unfähigkeit auszugehen, die es freilich auch vielfach geben dürfte!) bei der Kombination der jeweils zu Verfügung stehenden Fakten.
Zu beachten ist hier allerdings zusätzlich, daß ein Nicht-Bemühen um ausreichende Faktenlage zwecks möglicher Beurteilung ebenfalls ein eklatantes Zeichen von "Dummheit" sein dürfte. Kant spricht in diesem Zusammenhang von einer "selbstverschuldeten Unmündigkeit". Wir sind in all diesen Aspekten jedoch auf das große Problem verworfen: was ist jeweils die Ursache (bzw. sind die Ursachen) für die Pflege bzw. Ausbreitung von "Dummheit". Heute ist leider gerne üblich, all diese Minderleistungen und Fehldispositionen external zu attribuieren: nicht selbst ist man schuld, daß "nichts klappt, nichts gelingt, alles schiefläuft", sondern verantwortlich sind da "die anderen", "die Gesellschaft", "der Staat", "die Lehrer", "die Politiker", etc. Wo bleibt denn in diesem Kontext da auch mal dies: die Eigenverantwortung, die Anstrengungsbereitschaft, die Kraft der Selbstgestaltung, das Bemühen um Problemlösungen?!
Deutlich wird dies beispielsweise gegenwärtig vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der durch diese mitverursachten Beeinträchtigungen: allzu gerne werden eigene Anstrengungs- und Gestaltungsmöglichkeiten unterlassen und die Coronaproblematik als eine Art Rundumentschuldigung für eigens laisser-faire bemüht. Da ist dann schon oft die Rede von "gestohlener Kindheit", von "gestohlener Jugend", vom "Entzug der Grundrechte", u.a.m. -- wirklich übertrieben und unsinnig. Andere Generationen hatten, was Einschränkungen und Gefahren sowie schlechte Lebensbedingungen angeht, ganz andere Dinge auszuhalten. Bei allem Wissen um die Beeinträchtigungen durch Corona und den in diesem Kontext mehr oder weniger notwendigen Maßnahmen und Einschränkungen finde ich: wir jammern hier schon auf einem sehr hohen Lebensqualitätsniveau und viele nehmen diese Krise nun als Entschuldigung / Erklärung für eigenes Unterlassen, für eigene Minderleistung, ja: bisweilen wohl auch für eigene Dummheit ...
Nein, bei aller Notwendigkeit des Einbeziehens von den "Hintergründen" (also z.B. Auswirkungen von Sozialisation und Enkulturation) eines Menschen, seiner Existenzgrundlagen, sollte niemals der erhebliche Anteil an eigenem Tun, an eigenem Bemühen, an eigenem Ringen um die Vermeidung von Dummheit gering geachtet werden: fehlt dieses eigene Engagement sollte man dies nicht immer sogleich mit oberflächlichen Entschuldigungsgründen, gar mit ausschließlicher Fremdattribution zu erklären versuchen! Es gibt da durchaus auch eine starke intrinsische Komponente, stark allerdings nur dann, wenn man sie nicht verkümmern läßt, nicht fordert. Diesen Aspekt hat Heimito von Doderer schön kurzgefaßt in seinem Roman "Die Dämonen" (DTM München 1985) bei der Beschreibung der Mary ausgedrückt: "Ihre Bereitschaft zur eigenen Intelligenz war so groß, daß ihr Einsehen davon allein schon richtig geführt wurde." (ebd. S. 650) Ein Weg also, der weg von Dummheit hin zu deren Gegenteil führt, ein Weg auf dem man durchaus etwas dazutun kann und nicht nur reines "Opfer" bleibt! Simpel und verkürzt gilt also auch hier: Ohne Fleiß, kein Preis.
Es läßt sich jetzt schon eine These formulieren: Wer sich (aus welchen Gründen auch immer) weigert, Bereitschaft und Anstrengung um Distanz zur Dummheit zu leisten, ist schlicht und einfach: dumm, von Dummheit geprägt. Und weil Dummheit ein der geistigen Gesundheit feindlicher Gegenpart ist, trägt die Unterlassung des Kampfes gegen Dummheit zu deren Verbreitung und Vertiefung bei. Somit finden wir durch diesen Blick dann doch Elemente, die als Indiz für Dummheit gelten können, die Dummheit wird dadurch "formulierbar", wenngleich dieser Schluß nicht verabsolutiert werden kann und keine uneingeschränkte Verallgemeinerung zuläßt. Aber als "Werkzeug" zum Erfassen, zum Erklären von Dummheit ist dieser Ausweis fehlenden Bemühens durchaus tauglich, sofern man erstens weitere Begründungen sucht und dabei auch offen für Widerlegung der formulierten These bleibt und zweitens sich des jeweiligen kulturellen und zeitgeschichtlichen Hintergrundes bewußt bleibt, in welche Richtung jeweils die Definitionen von "Dummheit" versus "Gescheitheit" oder auch: Intelligenz weisen.
Gerade in gegenwärtigen politischen Auseinandersetzung (Wahlkampf 2021, Sprechen über "Probleme" und Probleme, Machtgelüste versus Verantwortung, etc.), besonders aber auch im weiten Felde der Corona-Gefährdungen (direkte und indirekte!) kann man fast schon ständig die Lebendigkeit von Dummheit auch aus anderer Perspektive erkennen: im emotionalen Bereich. Deutlich wird hier immer wieder emotionaler Widerstand gegen Einsichten, Unterwerfung unter und damit Abhängigkeit von Meinungsbildnern / Demagogen / Hetzer / Aufrüher o.ä. -- Indoktrination und Manipulation durch andere ist gang und gäbe, sich hier der eigenen Möglichkeiten, sich des eigenen Verstandes zu bemächtigen, zu begeben, ist ebenfalls: Dummheit (natürlich in der Folge auch Verantwortungslosigkeit, dies sich selbst, aber auch der Gesellschaft gegenüber!). James Welles hat in seiner anthropoligisch-kulturgeschichtlichen Analyse aufgezeigt, daß kognitive Programme wie Weltanschauungen, Religionen und andere interaktiv wirkende Massenphänome als "maladaptive Programme" wirken können (dies offenkundig auch immer wieder so bewerkstelligen!) und so eine kluge Bewältigung der realen Probleme und Anforderungen be- bzw. verhindern. (James F. Welles, Understanding Stupidity 1997) Als Beispiel nennt er hier unter anderem die Kreuzzüge und die Invasion in der Schweinebucht / Kuba, aber man muß weder zeitlich noch räumlich ausweichen, will man Beispiele für maladaptive Wirkmechanismen finden, ein Blick in die Gegenwart und die bundesdeutsche Wirklichkeit liefert dafür ebenfalls bereits hinreichende Belege.
Was "Dummheit" angeht, hat Robert Musil (Über die Dummheit, Alexander Verlag 1987, S. 12; Inhalt: Vortrag vom 11. März 1937 in Wien) auf ein Paradox hingewiesen: jeder, der über Dummheit spreche, beanspruche als Voraussetzung über der Dummheit zu sehen, also: klug zu sein, eben nicht: dumm zu sein. Aber genau diese Anmaßung, diese Selbstherrlichkeit gilt ja vielfach als Zeichen für Dummheit. Ich meine, dieses Paradox läßt sich (wenn überhaupt!) nur auflösen, indem man "Dummheit" ganz konkret spezifiziert, trennscharf abgrenzt, sodaß dann (relativ) eindeutige Zuordnungen von Erscheinungsformen der Dummheit möglich werden; nur dann kann man sozusagen sachlich begründete Urteile fällen, ob jemand bzw. etwas dumm ist oder nicht. Damit lassen sich dann auch (bei konsequenter Anwendung dieses Prinzips zumindest weitgehend!) Projektionsverhalten sowie Abgrenzungsarroganz und rein subjektive Festlegungen vermeiden, die Betrachtung von "Dummheit" wird (zumindest halbwegs) operabel. Man muß beim Umgang mit "Dummheit" stets im Auge behalten, daß es sich mit dieser Attribuierung um eine (Be-)Wertung handeln kann, bei der sich der Wertende über den Status des Bewerteten erhebt, dies oft in arroganter und / oder beleidigender Art. Auch dürfte das "Feststellen" von Dummheit stark abhängig von kultureller Position sein; was in der einen Kultur im allgemeinen als "dumm" gilt, kann in anderen Kulturen durchaus anders bewertet werden. (Auch hier können die unterschiedlichen, z.B. von Religionen determinierenden, Verhaltensweisen und -regeln zu verschiedenen Werthaltungen führen.) Wer andere als "dumm", "blöd", "doof" o.ä. bezeichnet, sollte stets ein gutes, legitimierbares Fundament für seine Einschätzung und Bewertung haben ... Etwas leichter dürfte es da bei negativer Attribuierung von Sachen, Ausarbeitungen, Ergebnissen fallen, da man hier m.E. leichter operable Kriterien der Bewertung vornehmen kann (z.B. eine "blöde" Rede, ein "dummer" Diskussionsbeitrag, ein "saudummer" Fernsehkommentar, eine "idiotische" Sichtweise, o.ä.). Hier lassen sich leichter über- und nachprüfbare Kriterien als Prämissen für entsprechende Urteile und Schlußfolgerungen / Begründungen finden und aufstellen. Wie aber all die vielen Sprichwörter / Aphorismen / Alltagsfloskeln einordnen und trennscharf kategorisieren? Wenn jemand ein Urteil über einen anderen fällt, etwa dergestalt "Du bist so dumm, daß du brummst!", bewegt man sich schon sehr auf einem kryptischen Feld. So ein Satz hat freilich -- je nach Provenienz des Senders und vor allem dann der des Empfängers -- stark assoziative (Aus-)Wirkung(en). Die wohl angemessenste Reaktion wäre zunächst wohl jene: "Ich kann mit dieser Aussage so nichts anfangen. Was willst du damit denn konkret ausdrücken?" Nochmals: ohne Trennschärfe, also auch ohne Eindeutigkeit von Ursache und Wirkung, von legitimierte Prämisse und entsprechender Konklusion, laufen solche Sätze sehr schnell in Richtung reiner Beleidigung, Selbstüberschätzung, Kompensationsbedürfnis und vor allem: Inhaltsleere ... Und in der sehr differenzierten Betrachtungsweise in seinem o.g. Vortrag hat Musil sicherlich einen Kern der Problematik berechtigterweise betont: "So werden also auch die (unterschiedlichsten, d.V.) Beispiele aus der Familie Dummheit nicht immer unterscheiden lassen, ob sie noch wirklich urständlich zusammenhängen oder bloß äußerlich und unversehens die Betrachtung vom einen zum andren führen, und es wird nicht ganz einfach sein, sie unter einen Hut zu bringen, von dem sich sagen läßt, er gehöre wirklich zu einem Dummkopf." (Musil, ebd.,S. 11)
Eine eher fatalistisch anmutende Sicht auf die Wirkung, auf die Existenz von "Dummheit", zeigt Robert Musil in seinem unvollendet gebliebenen Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" (Rowohlt Taschenbuch Band II, Reinbek 1991) an Hand von Ulrich auf: "Wie gesagt, Ulrich war der Meinung, daß dies*) der Erzeugung und Erhaltung eines mittleren Lebenszustands diene, der es mehr oder minder dem Zufall überläßt, das menschliche Genie mit der menschlichen Dummheit zu mischen, wie dieser Zustand denn auch selbst von solcher Mischung hervorgeht; und er hatte das schon vor langer Zeit einmal mit den Worten ausgesprochen, daß der Geist keinen Geist habe, und vor ganz kurzer Zeit erst hatte er an dem Abend bei Diotima wieder ausführlich davon gesprochen als von der großen Unordnung der Gefühle." (Musil, ebd. S. 1097) Hier scheint mir zusätzlich eine gewisse Dynamik angedeutet, nämlich die der Wirkweise von Gefühlen auf "dumme" versus "gescheite" Verhaltensweisen, was dann zumindest partiell gegen eine klar abgrenzbare Dummheit mit umfassender Geltung spricht.
*) mit "dies" bezieht sich Musil hier auf die "zweiseitige Beschaffenheit des Lebens (...), das jede große Bestrebung des Lebens durch eine niedrige dämpft, (...) an jeden Fortschritt einen Rückschritt, an jede Kraft eine Schwäche (bindet) (...). Ein geradezu unlösbarer und tief notwendiger Zusammenhang verbindet scheinbar alle hochgestimmten menschlichen Bemühungen mit der Verwirklichung ihres Gegenteils und macht das Leben über alle Parteiungen hinweg für geistige Menschen schwer erträglich." (ebd., S. 1096f.) Diese Sichtweise dürften nicht wenige vielleicht sogar als etwas Positives im Kontext mit "Dummheit" sehen, weil sie zumindest in relativer Sichtweise damit auch ein subjektives Gefühl an Entlastung (bis hin zu Verantwortungslosigkeit und einer So-ist-es-halt-eben-Attitüde) bereitstellt. [Der Gescheite, der Kluge, der Verantwortungsvolle, der Nicht-Dumme, verzichtet frelich gerne auf eine derartige "Entlastung"!]
Über die bereits von mir angedeutete "Relativität" von Dummheit (s.o. die Einlassung zum kulturellen Hintergrund!) dürfte kaum noch Zweifel bestehen. Auf dies hat auch Werner van Treeck (Dummheit: Eine unendliche Geschichte. Stuttgart 2015) hingewiesen; er spricht von situationsabhängiger Dummheit, von individuell, gesellschaftlich und historisch unterschiedlichen Bewertungen von Dummheit. Was früher (d.h. auch vielleicht aus der Notwendigkeit einer Bewältigung realer Herausforderungen) als klug, als richtig, gar als: notwendig, angesehen wurde, mag aus heutiger Sicht bzw. im Jetzt angewendet als ausgesprochen dumm gesehen werden. Man kennt unter anderem beispielsweise ja auch die Funktion des mittelalterlichen Hofnarren, der sanktionsfrei, geduldet bzw. willkommen, den Herrschern "Wahrheiten" sagen durften (also eher als "weise Mahner" galten), die bei anderen, hätten sie es gewagt diese so direkt auszusprechen, schlimmste Folgen für Leib und Leben bedeutet hätten. Oder all die Philosophen des Altertums, welche wir heute als große Denker sehen, von denen zu ihrer Zeit nicht wenige innerhalb ihrer Gesellschaft nur als "weltfremde Narren" galten. Vielleicht hat so mancher als "Dorfdepp" titulierter Mitmensch an Stammtischen und im Alltagsgeschehen zumindest Teile des mittelalterlichen Hofnarrs vorgelebt, freilich wohl nicht mit dem Ergebnis einer derart hofierten Beachtung ...
Auf eine weitere, etwas andere Paradoxie im Konzept von Dummheit hat der Sozialpsychologe Peter R. Hofstätter hingewiesen. In Anlehnung an den Fehler 2. Art in der Statistik spricht er von einer "Dummheit 2. Art". Was ist darunter zu verstehen? Darunter versteht Hofstätter Situationen oder Ereignisse, in denen eine Person nach einer Regel, nach Gesetzmäßigkeiten oder allgemein nach einer Struktur sucht, obwohl nichts davon vorhanden ist. Er bezieht sich hier auf die Fragestellungen in der induktiven oder Interferenz-Statistik: Gilt für einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Population ein in einer Hypothese (A) beschriebener Sachverhalt, ist dort eine solche Struktur oder Konstellation gegeben, oder muß man davon ausgehen, daß in Wirklichkeit eine ganz andere (in der Alternativhypothese B beschriebene) Struktur oder Konstellation vorliegt. Zur Klärung werden werden empirische Daten unter Anwendung statistischer Methoden verwendet. In diesem Verfahren sind nun zwei Fehlertypen möglich: entscheidet man sich für die Hypothese B, obwohl in Wirklichkeit die Hypothese A die richtige ist, handelt es sich um einen Fehler 1. Art, bleibt man aber bei der Hypothese A, obwohl Hypothese B zutrifft, spricht man von einem Fehler 2. Art. Unproblematisch ist es natürlich dann, wenn die mittels Statistik getroffene Entscheidung mit der wahren Sachlage in der Realität übereinstimmt. (Weil jedoch man das zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht mit Sicherheit wissen kann, schlägt Karl R. Popper sein bekanntes und weitgehend anerkanntes Prinzip der Falsifikation vor: eine formulierte -- natürlich plausible! -- Hypthese hat demzufolge solange Gültigkeit, bis sie durch neue Erkenntnisse von einer besseren abzulösen ist. Dies bedingt die Bereitschaft, eigene getroffene Hypothesen stets der Überprüfung zur Verfügung zu stellen, also hier ist z.B. kein Raum für Dogmatismus o.ä.!)
Nun spricht Hofstätter die Übertragung dieses statistischen Hintergrundes auf menschliche Erkenntnis an und beschreibt eine entsprechende Konstellation wie folgt: Erkennt ein Mensch eine in der Realität bestehende Gesetzmäßigkeit, eine Regel oder eine gegebene Struktur nicht, so würde dies im allgemeinen Verständnis wohl als Dummheit bezeichnet werden, so ein Mensch ist also zu "dumm", um diese Gesetzmäßigkeit zu erkennen (Äquivalenz zum Fehler 1. Art in der Statistik eben). Von einer "Dummheit 2. Art" (also wieder die Analogie zum Fehler 2. Art in der Statistik!) ist dann die Rede, wenn ein Mensch immer wieder, dies beharrlich, stur, nach einer Regel oder Gesetzmäßigkeit sucht, jedoch nie eine findet (weil es eben in der Realität keine gibt).
Man kann diesen Sachverhalt auch so ausdrücken: zur normalen, alltäglichen Dummheit (ein Mensch denkt nicht genügend nach, er denkt zu wenig nach, er denkt überhaupt nicht nach -- es fehlt gar die Kompetenz zum Nach- und Überdenken) gibt es das Gegenteil, daß jemand nachdenkt, sucht, gründelt, wo es nichts nachzudenken und zu finden gibt. Ich denke, der Leser wird hier sofort eine wesentliche Problematik erkenntnistheoretischer Qualität entdeckt haben, denn es kann a priori ein Nichtvorhandensein einer Regel, einer Gesetzmäßigkeit, einer Struktur selten mit Sicherheit ausgeschlossen werden.
Zahlreiche Beispiele in allen Bereichen (nicht nur in der Physik und anderen Naturwissenschaften) belegen dies immer wieder. Die Absurdität des ptolemäischen Weltbildes ist nur ein bekanntes Beispiel hierfür. Hier, und nicht nur in diesem Fall, zeigt sich, daß ein Festhalten am Fehler 2. Art im Ergebnis oft sogar als intelligentes Verhalten (weil dadurch Fortschritt, Erkenntnisgewinn erst möglich wurde!) gesehen werden muß / kann. Ein immer wieder aktuelles Beispiel hierfür liefern häufig Politiker, die auf der Basis von Rechthaberei, Dogmatismus, Machterhaltsbestrebungen, u.ä. gerne das Ziel verfolgen, ihre eigene Denke und Positionen als nicht widerlegbar zu verkünden ... (Hier ist der Weg zum "Fehler" 2. Art genau genommen die Voraussetzung zur Besserung der Verhältnisse!)
Wir sehen also, zur Erklärung von "Dummheit", zu deren eindeutigen Abgrenzung zu anderem Verhalten, trägt Hofstätters These nicht allzu viel bei. Gleichwohl hilft der Ansatz bei der Analyse von Vorgehensweisen und Möglichkeiten, die sich gegen "Dummheit" richten, um mehr Klarheit beim Erfassen von Realität zu erreichen. Ich denke, daß auch hier Poppers kritischer Ansatz zum Annähern an Wirklichkeit der zielführende Weg ist: statt (eigentlich nicht möglicher Verifikation eben Falsifikation / Widerlegung, dies natürlich bei neuer, "besserer" Faktenlage).
Auch Theodor W. Adorno hat sich seine Gedanken über Dummheit gemacht, diese vor allem in seinem Aufsatz "Zur Genese der Dummheit" festgehalten. Da schreibt er unter anderem: "Das Wahrzeichen der Intelligenz ist das Fühlhorn der Schnecke »mit dem tastendenGesicht« (...) DasFühlhorn wird vor dem Hindernis sogleich in die schützende Hut des Körpers zurückgezogen, es wird mit dem Ganzen wieder eins und wagt als Selbständiges erst zaghaft wieder sich hervor. Wenn die Gefahr noch da ist, verschwindet es aufs neue, und der Abstand bis zur Wiederholung des Versuchs vergrößert sich. Das geistigeLeben ist in den Anfängen unendlich zart. (...) Den Körper lähmt die physische Verletzung, den Geist der Schrecken. Beides ist im Ursprung gar nicht zu trennen. (...) Die entfalteteren Tiere verdanken sich selbst der größeren Freiheit, ihr Dasein bezeugt, daß einstmals Fühler nach neuen Richtungen ausgestreckt waren und nicht zurückgeschlagen wurden. Jede ihrer Arten ist das Denkmal ungezählter anderer, deren Versuch zu werden schon im Beginn vereitelt wurde; die dem Schrecken schon erlagen, als nur ein Fühler sich in der Richtung ihres Werdens regte. Die Unterdrückung der Möglichkeiten durch unmittelbaren Widerstand der umgebenden Natur ist nach innen fortgesetzt, durch die Verkümmerung der Organe durch denSchrecken. (...) In jedem Blick der Neugier eines Tieres dämmert eine neue Gestalt des Lebendigen, die aus der geprägten Art, der das individuelle Wesen angehört, hervorgehen könnte. Nicht bloß die Prägung hält es in der Hut des alten Seins zurück, die Gewalt, die jenem Blick begegnet, ist die jahrmillionen alte, die es seit je auf seine Stufe bannte und in stets erneutem Widerstand die ersten Schritte, sie zu überschreiten, hemmt. Solcher erste tastende Blick ist immer leicht zu brechen,hinter ihm steht der gute Wille, die fragile Hoffnung, aber keine konstante Energie. Das Tier wird in der Richtung, aus der es endgültig verscheucht ist, scheu und dumm. Dummheit ist ein Wundmal. Sie kann sich auf eine Leistung unter vielen oder auf alle, praktische und geistige, beziehen. Jede partielle Dummheit eines Menschen bezeichnet eine Stelle, wo das Spiel der Muskeln beim Erwachen gehemmt anstatt gefördert wurde. Mit der Hemmung setzte ursprünglich die vergebliche Wiederholung der unorganisierten und täppischen Versuche ein. (...) Sind die Wiederholungen beim Kind erlahmt, oder war die Hemmung zu brutal, so kann die Aufmerksamkeit nach einer anderen Richtung gehen, das Kind ist an Erfahrung reicher, wie es heißt, doch leicht bleibt an der Stelle, an der die Lust getroffen wurde, eine unmerkliche Narbe zurück, eine kleine Verstümmelung, an der die Oberfläche stumpf ist. Solche Narben bilden Deformationen, sie können Charaktere machen, hart und tüchtig, sie können dumm machen – im Sinn derAusfallserscheinung, der Blindheit und Ohnmacht, wenn sie bloß stagnieren, im Sinn der Bosheit, des Trotzes und Fanatismus, wenn sie nach innen den Krebs erzeugen. Der gute Wille wird zum bösen durch erlittene Gewalt. Und nicht bloß die verbotene Frage, auch die verpönte Nachahmung, das verbotene Weinen, das verbotene waghalsige Spiel, können zu solchen Narben führen. Wie die Arten der Tierreihe, so bezeichnen die geistigen Stufen innerhalb der Menschengattung, ja die blinden Stellen in demselben Individuum Stationen, auf denen die Hoffnung zum Stillstand kam, und die in ihrer Versteinerung bezeugen, daß alles Lebendige unter einem Bann steht. (Aus: Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente;Frankfurt am Main 1981; Hervorhebung durch Fettdruck, d.V.) Adornos Sicht betont überwiegend externale Einflußfaktoren, die letztlich zu "Dummheit" führen. Diese sind sicherlich ein äußerst wesentlicher Faktor zur Verhinderung von Intelligenz, jedoch dürften auch hier noch weitere Faktoren, die nicht ausschließlich external zu attribuieren sind, von einigem Einfluß sein. Genetische Voraussetzungen wie auch gesundheitliche Bedingtheiten müssen in diesem Zusammenhang ebenfalls berücksichtigt werden.
In Adornos Gedanken findet man Karl Landauers Kerngedanken wieder, der bekanntlich Dummheit als erworbene Unfähigkeit zur Erfahrung bezeichnet hat. (Und in der Tat, wem man die Möglichkeiten, sich offen zu entwickeln, wie auch immer vorenthält, der kann auch keine Erfahrungskompetenz ausbilden!) Andererseits wirkt es heute schon sehr antiquiert, wenn Landauer eine zu starke Verbindung zwischen Dummheit und Sexualität zu knüpfen versucht. Er war der Auffassung, daß verschiedenartige Wege psychologischer Entwicklung zum Resultat der Dummheit führen (da wird man ihm kaum widersprechen wollen, denke ich), daß jedoch der entscheidende Mechanismus beim "Dumm-Werden" eine Form von Autonomie in Reaktion auf die Kastrationsangst zu sein scheint (das, finde ich, mutet zumindest heutzutage schon seltsam an ...) Landauer zufolge ist zudem laut Wortbedeutung "Dummheit" eine "Sinnesabblendung", spricht dabei als Beleg dafür vom Erfahrungsmaterial der Psychotherapie als Quelle und zieht für seine Überlegungen auch Symbolgestalten aus der Literatur (z.B. Sancho Pansa, Parsifal) hinzu. Es entstehe ein widersprüchliches Bild des "Dummen", die Widersprüchlichkeit resultiere daraus, weil Dummheit "die häufigste Neurose" sei. Für Landauer existierte die psychosexuelle Genese der Dummheit. Er war der Überzeugung, im Charakterbild des "Dummen" fänden sich dementsprechend phallische Fixierung, Totalidentifikation mit dem Phallus (er nennt in diesem Zusammenhang -- für mich nicht nachvollziebar -- den "Hans im Glück" ...), Autoerotik, Oralität, Muskelerotik (hier verweist er -- für mich auch recht seltsam -- auf Sport ...) und Grausamkeit. Das dumme Kind sei Wunschbild seiner Eltern, sexuell unerfahren und nicht an ihrer Unfehlbarkeit zweifelnd. Daß Landauer hier bei diesem Gedanken mit einem "entgegen aller Erfahrung" argumentiert, scheint mir widersprüchlich, wenn er immer wieder auch von der "Unfähigkeit zur Erfahrung" spricht. Wenn Landauer jedoch Dummheit als Resultat eines Herrschaftsverhältnisses -- dies sowohl familial wie sozial -- sieht, kann man ihm da sicherlich folgen. Diesen Gedanken hat ja die Frankfurter Schule (s.o. Adornos Aufsatz) aufgegriffen und kritisch weiter ausgearbeitet.
Ich möchte an dieser Stelle eine kleine (sicherlich sehr unvollständige) Zwischenbilanz ziehen, danach mit einigen (hoffentlich) nachdenklich stimmenden "Weisheiten" zur Thematik Dummheit zu einer kleinen Erholungs- und Nachdenkpause führen, um diese Ausführungen hier dann später durch weitere Überlegungen und Anregungen fortzuführen.
Wenn um 1900 die Dummheit weitgehend als ein Sachverhalt gesehen wurde, der noch im Normalbereich kognitiver Fähigkeiten liege und deshalb von geistiger Behinderung oder Unsinn unterschieden werden könne, dürfte diese radikale Grenzziehung heute überholt sein. (Freilich gilt es hier dann auch immer den Aspekt der Verantwortungsfähigkeit zu berücksichtigen, will man Dummheit qualifizieren!)
Sofern jedoch Dummheit als eine (mangelnde) Fähigkeit definiert wird, eine gegebene Situation angemessen zu erfassen sowie in dieser Situation effektiv und effizient zu (re-)agieren, ist damit eine kognitive Funktion bzw. Fähigkeit zum Aufnehmen und Verarbeiten von Informationen gemeint. Allerdings wird gerade umgangssprachlich oft auch dann von Dummheit gesprochen, wenn es um Unwissenheit, also die mangelnde Verfügbarkeit von Wissen, Vorwissen oder Vorerfahrung, oder irgendwelchen anderen gespeicherten Gedächtnisinhalten (hier sei nochmals an Kants "selbstverschuldeter" Unmündigkeit und Unfähigkeit, sich des eigenen Versandes zu bedienen erinnert!) geht; dabei kann weiterhin unterschieden werden, ob solche Gedächtnisinhalte und solches Wissen noch nicht (Naivität oder Unerfahrenheit) oder vielmehr nicht mehr (Demenz) zur Verfügung stehen.
Häufig ist zutreffenderweise die Rede auch von "Verdummung". Dies drückt nichts anderes aus, als daß Dummheit auch erlernt werden kann (z.B. durch entsprechende "Vorbilder" und vorgegebene Identifikationsmuster). Ebenfalls kann man zur Dummheit auch erzogen werden (da geht der Blick von entsprechenden unmittelbaren Bezugspersonen über institutionalisierte Beeinflussungsversucht bis hin zu totalitären Systemen, wobei nicht nur das sogenannte Dritte Reich als ein extrem negatives Beispiel steht). Die Formen einer solchen negativen Erziehung sind vielfältig, das Spektrum reicht von extrafunktionaler bis hin zu intentionaler Erziehung. Heute besonders dominant (und vielfach negativ in ihren Auswirkungen: die medialen Einflüsse, aber auch Befriedigung von subjektiven Zugehörigkeitsbedürfnissen (Team, Peergroups, Groupthink, Thinktanks, ja auch die vielfältigen Arbeitskreise und Kompetenzteams), also alles mehr oder weniger aktiv wirkende Mächte. (Daß all jene -- eigentlich besser in Anführungsstriche zu setzenden -- Einflußfaktoren bei einer entsprechenden Qualität auch positiv, also die Entwicklung von Dummheit verhindernd, wirken können, versteht sich von selbst!). Da gibt es aber auch bereits nur "passiv" wirkende Momente, hier vor allem der Mangel an Anregungen (von Personen, Institutionen, aber auch Sachen, Umfeld, Natur u.a.m.). Daß die (leider zunehmende) Praxis des Gebrauchs von unreflektierten Floskeln. Phrasendrescherei, Euphemismen Dummheit fördert, dürfte einleuchtend sein, wird dadurch ja die Urteilsfähigkeit in ihrer möglichen positiven Entwicklung be- bzw. gehindert! Dergleichen geschieht durch Reizüberflutung, Hektik, Überforderung in der Zeitgestaltung (vor allem auch durch "Freizeitindustrien" und dem aufgezwungenen Gefühl, überall dabei sein zu müssen, nicht mehr zur Ruhe und Besinnlichkeit zu kommen) sowie andere diverse Manipulations- und Verdummungsstrategien (so z.B. durch bestimmte Werbestrategien, leider immer wieder auch durch Politik und einseitige Berichterstattungen; der Ulmer Psychologe Prof. Dr. Manfred Spitzer spricht von "digitaler Demenz" durch mediale Reizüberflutung). Zu weiteren sehr negativen Faktoren, welche die kognitiven Fähigkeiten und das Urteilsvermögen beeinträchtigen, gehören sicherlich das Fördern einer sogenannten Spaßgesellschaft, dies mit der Folge einer wachsenden Unlust für kritische Ernsthaftigkeit, Ausflüsse der Massenkultur mit einer starken Tendenz zur Infantilisierung, und, und, und ...
Wir sehen ganz deutlich, es bedarf wahrlich nicht der Ausflüge in Karl Landauers viel zu kurz gegriffenen (und eher bestenfalls nur vage zutreffenden) Sexualargumentation, um Dummheit zu erklären; da haben wir heute ganz andere Kaliber als Verursacher von Dummheit. Freilich dürfte es zunehmen schwieriger werden, jene in ihre Schranken zu weisen, was im Umkehrschluß bedeutet: Dummheit wird noch viel mehr zunehmen. Der "Witz" dabei ist, daß wir eigentlich heute so viel an Wissen uns verschaffen könn(t)en, wie nie zuvor in der Menscheitsgeschichte. Aber stattdessen nisten sich die allermeisten Menschen im Halbwissen oder gar im Nichtwissen häuslich ein und lassen es ge- und verspaßt (vermeintlich) gutgehen ... Es wird leider: der Dummheit zugearbeitet.
Und hier nun die oben angekündigten klugen Sprüche einiger gescheiter Menschen:
Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben.
Albert Einstein
Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
Albert Einstein
Nichts auf dieser Welt ist gefährlicher als aufrichtige Ignoranz und gewissentliche Dummheit. / Nothing in all the world is more dangerous than sincere ignorance and conscientious stupidity. (Erläuterung zur Übersetzungsmöglichkeit von "conscientious": gewissenhaft / pflichtbewusst / mühsam / pflichtbewußt [alt] verstärkte Form zu wissentlich)
Martin Luther King
Der Kluge lernt aus allem und von jedem, der Normale aus seinen Erfahrungen und der Dumme weiß alles besser.
Sokrates
Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.
Charles Bukowski
Der Buddha sagte: Wenn ein weiser Mensch leidet, so fragt er sich «Was habe ich bisher getan, um mich von meinem Leiden zu befreien? Was kann ich noch tun, um es zu überwinden?» Wenn aber ein törichter Mensch leidet, so fragt er: «Wer hat mir das angetan?»
Thich Nhat Hanh
Wer nichts weiß und weiß nicht, daß er nichts weiß, ist ein Tor – meide ihn.
Wer nichts weiß und weiß, daß er nichts weiß, ist bescheiden – belehre ihn.
Wer etwas weiß und weiß nicht, daß er etwas weiß, ist im Schlafe – wecke ihn.
Wer etwas weiß und weiß, daß er etwas weiß, ist weise – folge ihm.
Sokrates
Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, daß er ein Narr ist.
William Shakespeare
Dummheit ist nicht «wenig wissen», auch nicht «wenig wissen wollen», Dummheit ist «glauben, genug zu wissen».
Konfuzius
Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf.
Theodor Fontane
Diejenigen, die zu klug sind, sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst.
Platon
Zwei Dinge im Leben sind unendlich. Die Dummheit des Menschen und die Gnade Gottes.
G. I. Gurdjieff
Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit.
Voltaire
Lasst Toren streiten, welche Verfassung die beste sei! Wo am besten regiert wird, dort ist die Verfassung die beste.
Alexander Pope
WIRD DEMNÄCHST FORTGESETZT!
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